„Was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen Einzelselbsterfahrung (ESE) und Einzelsupervision (ESV)? Und warum kann ich meine Gruppensupervision nicht einfach als Fortbildung anrechnen lassen?“
Solche Fragen begegnen uns immer wieder. Durch das sehr unterschiedliche Angebot am Markt herrscht eine verständliche Verwirrung im Begriffs-Dschungel. In diesem Artikel wollen wir Licht ins Dunkel bringen und darüber aufklären, was du für deine Ausbildung und deine spätere Berufsausübung wirklich brauchst.
1. Einzelselbsterfahrung vs. Einzelsupervision: Was passiert wo?
Vielleicht kennst du das ja auch: Du begleitest Klient:innen zu einem Thema, das du selbst nur zu gut kennst, vielleicht ein Konflikt am Arbeitsplatz oder eine schwierige Entscheidung in der Familie. Während des Gesprächs merkst du, wie sich plötzlich dein Fokus verschiebt: Du spürst eine körperliche Anspannung, merkst, wie du innerlich Partei ergreifst oder dich fast schon unwiderstehlich zu einer ganz bestimmten „Lösungsrichtung“ hingezogen fühlst. Deine systemische Allparteilichkeit beginnt zu wackeln, weil das Thema etwas mit dir macht.
Beispiel 1: Reflexion in der Selbsterfahrung
Stell dir nun vor, wie du dieses Erlebnis in deiner Selbsterfahrung thematisierst: Wir schauen uns an, was in dir da zum Schwingen gebracht wurde. Warum zieht es dich so stark in eine Richtung? Welches eigene Erlebnis oder welcher alte Glaubenssatz meldet sich da zu Wort? In der ESE arbeiten wir an deiner Resonanz: Wir verkleinern deinen „blinden Fleck“, damit du deine eigenen Themen von denen deiner Klient:innen sauber trennen kannst.
„Was in mir reagiert hier gerade so stark und wie kann ich innerlich wieder frei und neutral werden?“
In der Selbsterfahrung geht es um unsere „blinden Flecken“. Das sind Aspekte deiner Persönlichkeit oder deiner Reaktionen, die für andere spürbar sind, die dir selbst aber meist verborgen bleiben. Je kleiner diese blinden Flecken sind, desto sicherer und authentischer kannst du in deiner Berater:innenrolle sein.
Beispiel 2: Reflexion in der Supervision
Sehen wir uns nun an, wie dieses Thema in der Supervision bearbeitet werden könnte. In der Supervision wechseln wir die Perspektive. Wir schauen uns nicht deine Biografie an, sondern die professionelle Interaktion zwischen dir und deinen Klient:innen. Wir analysieren das System: Wie kannst du deine Neutralität methodisch wiederherstellen? Welche systemischen Fragen oder Interventionen bringen den Prozess der Klient:innen wieder voran, ohne dass du die Lösung vorgibst? Wir erarbeiten Handlungsoptionen für die nächste Sitzung.
„Wie kann ich den Prozess methodisch so gestalten, dass die Klient:innen von mir bekommen, was sie brauchen, um zu ihrer Lösung zu kommen?“
Kurz gesagt
In der Selbsterfahrung bist du das Thema, damit dein „blinder Fleck“ kleiner wird und du als Mensch stabil bleibst. In der Supervision ist dein Fall das Thema, damit deine fachliche Wirksamkeit und methodische Neutralität gewahrt bleiben.
Dass die Grenzen manchmal verschwimmen, ist menschlich. Für die Professionalität als Berater:in ist die bewusste Trennung jedoch ein entscheidender Qualitätsfaktor.
2. Warum wir Supervision und Fortbildung bewusst trennen
Oft werden wir gefragt: „Warum kann ich die Gruppensupervision nicht als Fortbildung für meine jährlichen 16 Stunden nutzen? Es gibt doch Anbieter:innen, die das kombinieren.“
Uns bei Wissen mit Herz ist es ein großes Anliegen, hier eine klare Trennung zu ziehen. Das Merkblatt der WKO Niederösterreich (Stand 2022) hält fest:
„Die Inanspruchnahme einer regelmäßigen Einzel- und Gruppensupervision stellt keine Weiterbildung dar, sondern wird als zusätzlich gegeben vorausgesetzt.“
Warum ist uns die Trennung von Supervision, Selbsterfahrung und Fortbildung so wichtig?
- Tiefe
Wenn wir einen Workshop zu einem Thema (z. B. Trauer in der Beratung) machen, wollen wir uns voll auf die Wissensvermittlung, das Kennenlernen neuer Konzepte und das Erlernen neuer Themen konzentrieren.
In der Supervision wollen wir uns hingegen auf die Reflexion deiner Fälle, deiner Haltung und Rolle und deiner Kompetenz als Berater:in fokussieren. - Rechtssicherheit
Wir möchten, dass du bei einer Prüfung durch die Behörde absolut saubere Belege vorweisen kannst. Eine klare Fortbildungsbestätigung über 16 Stunden Fortbildung oder eine Bestätigung über Supervision. - Qualitätssicherung
Supervision ist Reflexion, Fortbildung ist Horizonterweiterung. Beides hat seinen eigenen, wertvollen Platz in deinem Terminkalender verdient.
3. Deine Entwicklung im Fokus
Egal ob nach alter oder neuer Verordnung, das Ziel bleibt gleich: eine sichere, herzliche und kompetente Beratungspersönlichkeit zu formen. Wir unterstützen dich dabei, die passenden Schritte auf deinem Ausbildungs- und Weiterbildungsweg zu gehen.
Falls du dir nicht sicher bist, wer dazu berechtigt ist dir eine passende Bestätigung für deine Supervisionen oder Selbsterfahrung auszustellen, lies gerne unsere beiden Blogartikel dazu, bei denen du auch eine Checkliste findest, damit du auf der sicheren Seite bist: Selbsterfahrung bestätigen und Supervision bestätigen.
Wenn du schon fertig bist und auf der Suche nach anerkannten Fortbildungen, kannst du dich in diesem Blogartikel informieren, auf welche Kriterien es ankommt, damit diese auch wirklich zählt.
Lust auf praxisorientierte Tools und Methoden oder du brauchst Supervision bzw. Selbsterfahrung?
Schau dich gerne bei unseren Angeboten um. Wir bieten regelmäßig praxisorientierte Fortbildungen zu unterschiedlichen Themen an und begleiten LSB in Ausbildung auf ihrer Reise mit Supervisionen und Selbsterfahrung. Hier findest du unsere aktuellen Workshops und Angebote!




